Gender-Therapie: "Es geht nicht um Frauenmedizin“

Unterschiede zwischen Frauen und Männern müssen auch in der Therapie berücksichtigt werden – meint Dr. Ute Seeland, Gender-Medizinerin aus Berlin.

Dr. Ute Seeland

Frau Dr. Seeland, spielt Geschlechtersensibilität und Geschlechterwissen in der Ausbildung von Physiotherapeut:innen eine Rolle?

Genau das haben wir letztes Jahr im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums untersucht. In unserer Studie ging es um die Medizin und die Pflege, aber eben auch um Physiotherapeut:innen. Heraus kam zunächst einmal, dass rund 90 Prozent der Befragten diese Themen für wichtig halten.

Können Sie trotzdem mal beschreiben, an welcher Stelle das Und heißt das dann auch, dass diese Themen bereits in die Lehrpläne eingeflossen sind?

Nein. Insgesamt gibt es in den Physiotherapieschulen Bemühungen, Geschlechterwissen und Geschlechtersensibilität in die Curricula zu integrieren, allerdings noch auf eher bescheidenem Niveau und nicht systematisch. Der Wille ist da, es fehlt aber an der Umsetzung. Wir fordern, dass diese Themen langfristig in die Lehrpläne integriert werden, vom ersten bis zum letzten Semester, nicht nur zufällig oder punktuell. Die zweite wichtige Forderung ist, dass diese Themen in die Prüfungsordnungen einfließen und abgeprüft werden.


Können Sie Beispiele aus der Gender-Therapie,nicht aus der Gender-Medizin, nennen?

Das sollte man gar nicht so trennen, Therapeut:innen werden schließlich auch medizinisch ausgebildet. Aber es geht bei den biologischen Unterschieden zwischen Mann und Frau zum Beispiel um das Wissen über die Anatomie und den Muskelaufbau. Und bei den soziokulturellen Unterschieden betrifft es den ganzen Bereich der Kommunikation in der Therapie, beispielsweise wie man Patient:innen zu etwas motiviert. Worin da genau die Unterschiede liegen und auf was zu achten ist, muss allerdings erst einmal systematisch erforscht werden. Bislang wurde da immer vom Einheitsmenschen – dem Mann – ausgegangen. Erst vor wenigen Jahren ist hier etwas in Bewegung geraten.

Die Heilmittelerbringerbranche ist aber eher eine Frauenwelt...

Auch in der Welt der Heilmittelerbringer sind die entscheidenden Positionen – vom Praxisinhaber bis zum Dozenten an der Schule – oft durchaus in Männerhand. Unter dem Strich haben Sie aber insofern recht, dass es das Problem in der Praxis in beide Richtungen geben kann. Aber geschlechtersensible Medizin ist auch keine Frauenmedizin, sondern eine Medizin, die biologische wie soziokulturelle Unterschiede berücksichtigt! Insofern sind gemischte, idealerweise paritätisch besetzte Teams die beste und erfolgreichste Lösung.


Über Dr. Ute Seeland

Die Ärztin PD Dr. Ute Seeland ist Gender-Medizinerin und Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für geschlechtsspezifische Medizin. Das von ihr mitverantwortete Fachgutachten zu Geschlechtersensibilität und Geschlechterwissen finden Sie über die Suchfunktion auf der Seite des Bundesgesundheitsministeriums:

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