Gender-Therapie: (K)eine Frage des Geschlechts

Das Thema Gender-Medizin gewinnt zunehmend an Bedeutung. Aber gibt es auch so etwas wie eine Gender-Heilmittelerbringung?

Therapeutin arbeitet mit männlichem Patient an einem Gehbarren

Mit dem Crashtest-Dummy kann man viel verdeutlichen: an welcher Stelle ein menschlicher Körper bei einem Unfall auf dem Lenkrad aufkommen oder wie er unangeschnallt durch die Windschutzscheibe krachen würde. Man kann mit ihm auch demonstrieren, was das Problem des sogenannten „Gender Data Gaps“ ist. Denn diese Puppen waren früher ausschließlich dem männlichen Körper nachempfundem, und auch heute ist der „weibliche Dummy“ eher eine Ausnahme. Das hat laut einer englischen Studie zur Folge, dass bei einem Unfall die Wahrscheinlichkeit einer ernsthaften Verletzung bei Frauen um 47 Prozent, die Wahrscheinlichkeit des Todes um rund 17 Prozent höher als bei Männern ist. Autos sind nicht für den Schutz der Frauen gebaut, es fehlen die dafür nötigen Daten.

„Itʼs a manʼs world“, sang einst James Brown. Geändert hat sich seitdem nicht viel. Der Mann mit seinem Körper, seinen Bedürfnissen und Interessen wird häufig als universell verstanden. Das Ergebnis männlicher Dominanz und wohl auch Arroganz ist oft ärgerlich – wenn zum Beispiel zu wenig Frauentoiletten zur Verfügung stehen oder die Corona-Schutzkleidung für die meisten Frauen schlicht zu groß ist. In der Medizin sind die Folgen brandgefährlich.
 

Beispiel Herzinfarkte: Die meisten Menschen wissen, dass bei Schmerzen in der Brust und im linken Arm sofort der Notarzt zu rufen ist. Das Problem ist jedoch, dass sich ein Herzinfarkt bei Frauen mit vermeintlich unspezifischen Symptomen bemerkbar machen kann, etwa mit Übelkeit, Luftnot, Schmerzen im Oberbauch und Erbrechen. Und während der Mannalso schon im Krankenwagen auf dem Weg indie Klinik ist, liegt die Frau noch auf der Couch und hofft darauf, dass es ihr schon bald wieder bessergeht. Wird schon nicht so schlimm sein!

Beispiel Medikamente: Selten wird im Beipackzettel zwischen weiblichen und männlichen Patient:innen unterschieden. Und weil Medikamente oft nur an männlichen Probanden (inklusive männlichen Mäusen!) getestet wurden, ist die empfohlene Dosierung häufig zu hoch. Im Fall des Schlafmittels Zolpidem in den USA kam das erst raus, nachdem man sich gewundert hatte, dass Frauen morgens auffällig viele Unfälle bauten – sie hatten schlicht noch zu viel des Schlafmittels vom Vorabend im Blut.
 

„1. im Gender Equality Index 2021“ der EU ist Schweden. In der aktuellen Ausgabe des Index lag der Fokus auf Gesundheitsfragen. Deutschland landet bei der Gleichbehandlung der Geschlechter im europäischen Mittelfeld.

So viel zum Geschlecht in der Medizin – aber gibt es auch so etwas wie eine Gender-Heilmittelerbringung? Nachfrage bei Prof. Dr. Heidi Höppner. Vor 20 Jahren erhielt sie die erste Hochschulprofessur für Physiotherapie. Heute arbeitet sie an der Alice Salomon Hochschule Berlin und beschäftigt sich viel mit den Themen Gleichberechtigung und Gender-Forschung. „Warum sollte in der Therapie ein Gender Bias, also Verzerrungen durch die Orientierung an der Norm ‚Mann‘, nicht auch wirken?“, antwortet Höppner, betont aber, dass die Forschung hier ziemlich in den Kinderschuhen stecke. Und sie weist darauf hin, dass man nicht nur auf anatomische Unterschiede schauen dürfe. Denn Geschlechterunterschiede lassen sich sowohl auf Unterschiede im biologischen Geschlecht („Sex“) als auch im soziokulturellen Geschlecht („Gender“) zurückführen. Dabei umfasst das biologische Geschlecht die Gene und Hormone und das soziokulturelle Geschlecht das Gesundheitsverhalten und den Lebensstil.

Aber welche Unterschiede sind für die Therapie tatsächlich relevant, und wie könnten Patient:innen dann schließlich gendersensibel behandelt werden? Darüber hat sich die Physiotherapeutin und Soziologin Sarah Hiltner viele Gedanken gemacht. Seit 2013 als Wissenschaftlerin mit dem Schwerpunkt auf geschlechtersensible Medizin und seit einem Jahr wieder als praktizierende Physiotherapeutin. Ein Beispiel für die Relevanz dieses Themas kann sie sofort nennen: „Wenn ich Männer auffordere, eine bestimmte Übung zu machen, muss ich sie meistens bremsen, damit sie nicht über ihre Leistungsgrenze gehen, und dann ist es eher meine Aufgabe, ihnen etwas Körperbewusstsein beizubringen.“ Und bei Frauen? „Bei Patientinnen dagegen ist es häufiger der Fall, dass sie stark auf ihren Körper hören und dadurch sehr verunsichert sind und sich generell wieder mehr trauen sollten.“

Bleibt die Frage, ob man/frau sich in der Therapie nicht ohnehin von Stereotypen verabschieden sollte – zumal ja nicht nur das Geschlecht das Individuum prägt, sondern genauso auch der soziökonomische Hintergrund, die Bildung, die Herkunft und vieles mehr. Diese Meinung vertritt auch Sarah Hiltner. Allerdings, sagt sie, müsse man zunächst einmal die Unterschiede kennen und einordnen können, um dann im zweiten Schritt den Menschen in all seiner Diversität begreifen und behandeln zu können. Viel zu tun gibt es also allemal.