Interview: „Ehrlich sein!“

Wie findet man in Zeiten des Fachkräftemangels Mitarbeiter:innen? Tipps von Thomas Völkl, der als Recruiting-Coach Unternehmen berät.

Unternehmenscoach Thomas Völkl

Herr Völkl, was ist Ihrer Erfahrung nach der größte Fehler beim Recruiting?

Sich nur dann mit dem Thema Recruiting zu beschäftigen, wenn man gerade dringend jemanden braucht. Denn es handelt sich dabei um ein strategisches Thema, das Praxisinhaber:innen jederzeit auf dem Schirm haben sollten, nicht nur dann, wenn sie eine Stelle neu zu besetzen haben.

Das Schalten einer Anzeige ist wohl auch nicht mehr ausreichend, oder?

Anzeigen sind nicht zu unterschätzen, aber es ist zu überlegen, wo sie geschaltet werden. Bei einer jungen Zielgruppe bieten sich sicherlich schnellere Medien wie Instagram oder TikTok besonders an. Und wichtig ist, dass man mit dieser Anzeige sein Ziel erreicht: nämlich dass potenzielle Bewerber:innen einen wahrnehmen und auf die Website der Praxis gelockt werden – denn dort informieren sich ohnehin fast 98 Prozent aller Menschen, bevor sie sich dann bewerben. Im Umkehrschluss heißt das aber auch: Man muss die Anzeige nicht mit Detail-Infos vollpacken, die dann ohnehin auf der Website stehen.

Und dann?

Recruiting heißt vor allem: Ich muss ehrlich sein. Das heißt, ich muss ganz klar, offen und aufrichtig darstellen, wer ich bin und wie ich als Unternehmen ticke. Und dann muss ich quasi den Bewerbungsprozess umdrehen.

Was heißt das?

Als Arbeitgeber:in sollte ich im ersten Schritt keine dicke Bewerbungsmappe erwarten. Eigentlich will ich erst einmal nur die Telefonnummer oder die E-Mail-Adresse einer interessierten Person. Und dann bin ich derjenige, der sich bewirbt. Ich stelle mein Unternehmen vor, gehe ins Gespräch und frage dann erst im zweiten Schritt – so es für beide Seiten passt – nach Bewerbungsunterlagen.

Sie sagten eben, man solle ehrlich sein. Aber gilt das auch für Praxen, die nun einmal nicht ganz so attraktiv für potenzielle Bewerber:innen sind?

Was als attraktiv empfunden wird, sieht jeder Mensch anders. Nicht alle Therapeut:innen wollen in einem super schnieken und modernen Studio arbeiten, sondern finden es vielleicht gerade gut, wenn das eine kleine Praxis ist, in der sich seit Jahrzehnten nichts verändert hat, dafür aber beispielsweise viel Erfahrung und Wissen vorherrschen. Allerdings haben Sie nicht ganz Unrecht: Es wird auch Unternehmen geben, die irgendwann dichtmachen müssen, weil die Führungskultur einfach nicht mehr in die Zeit passt und sich keine Leute mehr finden, die dort arbeiten wollen.