Motivational Interviewing: Das „Ja, aber“ überwinden

Im Heilmittelbereich herrscht im November reger Austausch. Der SHV-TherapieGipfel, die interdisziplinäre Fachtagung des Verbunds für Ausbildung und Studium in den Therapieberufen oder der Tag der Freien Berufe zeigen: Es mangelt der Branche nicht an Erkenntnissen, es hapert eher an der Umsetzung.

Kennst du das? Du gibst einem:einer Patient:in eine Übung, die fachlich perfekt passt – und als Antwort kommt ein zögerliches „Ja, aber …“.

Zu wenig Zeit, zu anstrengend, zu viele andere Baustellen – und am Ende bleibt die Übung liegen. Für dich ist das frustrierend, für die Patient:innen auch. Du weißt, dass sie profitieren würden, aber sie tun es einfach nicht. Dein Reflex als Profi ist vielleicht, noch einmal zu erklären, zu überzeugen oder die Vorteile deutlicher zu betonen. Doch genau das verstärkt den Widerstand oft nur. Das „Ja, aber“ wird lauter, nicht leiser.

Hier kommt das Motivational Interviewing (Motivierende Gesprächsführung) ins Spiel. Es ist keine neue Methode, sondern eine Haltung: Statt Motivation von außen „hineinzupumpen“, hilfst du deinen Patient:innen, sie in sich selbst zu finden. MI schafft einen partnerschaftlichen Rahmen, in dem echte Veränderung überhaupt erst möglich wird.

Dieser Artikel fasst die zentralen Inhalte der Masterclass mit Nils Boettcher zusammen. Du bekommst 12 konkrete Tipps, mit denen du die 3 Phasen der Veränderung, die 4 Stufen jeder Behandlung und 5 Gesprächstechniken kennenlernst, die du sofort im Praxisalltag einsetzen kannst.

Was ist Motivational Interviewing (MI) wirklich?

Die Motivierende Gesprächsführung ist eine professionelle, partnerschaftliche und evidenzbasierte Gesprächsführung auf Augenhöhe. Entwickelt in den 1980er-Jahren in der Suchttherapie, ist sie heute wissenschaftlich bestens belegt – über 2.000 Studien belegen ihre Wirksamkeit in unterschiedlichsten Kontexten weltweit.
MI ist kein Motivationstrick und keine Manipulation, sondern eine wertvolle Ergänzung für deinen therapeutischen Werkzeugkoffer – egal ob du in der Orthopädie, Neurologie oder Pädiatrie arbeitest.
Der entscheidende Punkt ist ein Haltungswechsel: Du bist nicht immer der allwissende Experte, sondern manchmal der Coach, der die Verantwortung bewusst an die Patient:innen zurückgibt.
So werden sie von passiven Empfänger:innen zu aktiven Gestalter:innen ihrer Genesung.

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Wo steht dein:e Patient:in? – Die 3 Phasen der Veränderung

Stell dir eine Waagschale vor:
Auf der roten Seite liegen alle Argumente gegen eine Veränderung, auf der grünen Seite alle dafür. MI hilft dir, die grüne Seite sichtbar zu machen.

  1. Phase 1 – Ambivalenz:
    Die rote Seite überwiegt. Die Patient:innen sind hin- und hergerissen. Deine Aufgabe ist es nicht, zu überzeugen, sondern Fragen zu stellen, die die grüne Seite beleuchten: „Was würde sich für dich verändern, wenn du die Übung regelmäßig machst?“

  2. Phase 2 – Entscheidung:
    Die grüne Seite wird stärker. Die Patient:innen sind motiviert, brauchen aber Unterstützung, um ins Handeln zu kommen. Jetzt helfen Bestärkung, Zuversicht und realistische Planung.

  3. Phase 3 – Handlung & Aufrechterhaltung:
    Die Patient:innen setzen um – aber es gibt Rückfälle und Zweifel. Hier stärkst du Selbstmanagement und Resilienz, damit sie langfristig dranbleiben.

Motivation entsteht immer aus zwei Quellen:
Wichtigkeit: Warum ist die Veränderung wichtig?
Zuversicht: Trauen die Patient:innen sich zu, sie umzusetzen?

Profi-Tipp:
Arbeite zuerst an der Wichtigkeit, dann an der Zuversicht. Denn wer das Warum nicht kennt, wird das Wie nicht durchhalten.

Den ganzen Beitrag zur Masterclass gibt es bei Optica OWL:

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