Praxis mit Leitlinien

Eine Philosophie für die Praxis? Das klingt in den Ohren von vielen Inhaber:innen doch etwas übertrieben. Gewisse „Leitlinien“ können im Praxisalltag aber durchaus helfen.

Praxisleitbilder stärken das Team

Das lateinische Wort „plexus“ lässt sich mit komplex oder verflochten übersetzen. Und genau so empfindet Hartwig Stedefeder die Arbeit mit seinen Patient:innen. Der Physiotherapeut aus Oelde in Nordrhein-Westfalen ist davon überzeugt, dass Teamwork in einem guten Netzwerk das A und O ist, um Menschen bestmöglich gesundheitlich versorgen zu können. Nicht zuletzt deshalb nannte er damals seine Praxis auch nicht etwa Stedefeder oder Physiopraxis Oelde, sondern eben: plexus.

Seitdem ist viel passiert. Anfangs war es nur ein Gedanke, aus dem sich wunderbar der Name der Praxis sowie ein passendes Logo ableiten ließ – ein X, als Zentrum und Ausgangspunkt eines Geflechts. Doch im Laufe der Zeit wurde daraus mehr: Stedefeder spricht gar von einer Philosophie, die seine Praxis mittlerweile habe.

Auch andere Praxen versuchen sich an Leitbildern oder eben „Philosophien“, allerdings nicht immer mit Erfolg. Besonders beliebt sind dabei die vielen Variationen von „Bei uns stehen die Patient:innen im Mittelpunkt“. Auch wenn sich dahinter oft eine ernstgemeinte Botschaft und ein wichtiges Anliegen der Praxis verbirgt, wirkt dieses Motiv doch schnell wie eine Phrase. Das liegt zum einen daran, dass sie von Patient:innen schon häufig als leere Versprechung entlarvt wurde. Zum anderen hat es aber auch damit zu tun, dass man einen gewissen Fokus auf die Patientenbelange eigentlich sowieso von einer Gesundheitseinrichtung erwartet.
 

Ein Pluspunkt eines Praxisleitbildes ist die Chance, sich von Mitbewerbern abzuheben und erfolgreich auf dem Gesundheitsmarkt zu positionieren.

Ohnehin sollte ein Leitbild mehr als ein Slogan sein – und der Slogan, wenn überhaupt, nur die verbalisierte Quintessenz eines umfassenderen Leitbildes. Denn ein solches ist eher als eine sorgfältig ausformulierte Darstellung der Visionen und Ziele einer Praxis zu verstehen. Es sollte die Aufgaben der Praxis definieren, ihre Kultur, ihre Normen und Werte und ihr Selbstverständnis. „Ein Leitbild legt offen, wie sich eine Praxis selbst versteht“, erklärt Ralf Jentzen, Geschäftsführer von Coactiv Consulting im nordrhein-westfälischen Alsdorf, der sich auf die Beratung von Heilmittelerbringer:innen spezialisiert hat. „Dadurch gibt es Patient:innen, Bewerber:innen und Ärzt:innen eine Ahnung, was sie in der Praxis erwartet und wie sie sich von anderen unterscheidet.“ All das klingt erst einmal nach Marketing. Und deshalb wird es auch von manchen Praxisinhaber:innen rundweg abgelehnt. Schließlich sind die Praxen ohnehin voll, die Wartelisten lang. Warum sollte man sich dann die Mühe mit etwas machen, was noch mehr Patient:innen anlocken könnte? Zudem bedeutet ein Leitbild, dass man später an dem gemessen wird, was man vorher so gewissenhaft ausformuliert hat. Je konkreter und klarer das Praxisleitbild wird, desto eher kann der Druck auf die Praxis steigen.

„Nur Mitarbeiter:innen, die von der Philosophie und von der Attraktivität der Praxis überzeugt sind, können das Unternehmen selbstbewusst vertreten.“

Ralf Jentzen, Geschäftsführer von Coactiv Consulting

Allein: Ein Leitbild ist viel mehr als Marketing. Denn es richtet sich in der Kommunikation nicht nur nach außen, sondern vor allem nach innen. Darauf weist auch Berater Jentzen hin: „Nur Mitarbeiter:innen, die von der Philosophie und von der Attraktivität der Praxis überzeugt sind, können das Unternehmen und seine Angebote nach außen selbstbewusst vertreten.“ So wird ein Rahmen für das Handeln des Teams gesetzt. Jentzen spricht auch von Leitplanken, die den Mitarbeiter:innen helfen, sich zu orientieren und nicht „vom Weg abzukommen oder falsch abzubiegen“. Einen anderen Aspekt betont Annette Winkler, Coach und Trainerin aus Osnabrück. Dafür zitiert sie Antoine de Saint-Exupéry, den Autor von „Der kleine Prinz“. Er schrieb: „Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen. Sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.“ Dieses Zitat mache deutlich, wozu ein Leitbild fähig ist: Begeisterung wecken, motivieren und anspornen. Deshalb sollte es auch in der Praxis darum gehen, aufzuzeigen, „welche Mission die Reise hat und mit welcher Vision das ,Praxisschiff‘ unterwegs ist“, so Winkler.
 

Ein weiterer Vorteil: Ein Praxisleitbild kann begeistern und die Motivation der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen erhöhen.

Bleibt die Frage, wer ein solches Leitbild entwickeln soll. Ist es nun Chefsache oder Teamwork, also zum Beispiel Ergebnis von gemeinsamen Meetings und Workshops? Letztlich gibt es keinen Königsweg, entscheidend ist ohnehin der Führungsstil in der Praxis. Klar ist nur, dass die Mitarbeiter:innen in irgendeiner Form eingebunden werden sollten. Denn ein als „übergestülpt“ empfundenes Leitbild wird selten von allen angenommen und mit Leben gefüllt. Das hat natürlich auch Physiotherapeut Hartwig Stedefeder aus Oelde schnell erkannt. Selbst wenn der plexus-Gedanke ursprünglich von ihm stammte, wurde die im Laufe der Jahre entstandene Corporate Identity zusammen mit allen Kolleg:innen erarbeitet: „Mit dem Ergebnis, dass sie vom ganzen Team nicht nur getragen, sondern auch gelebt und weiterentwickelt wird“, so Stedefeder. Und das zeige sich an Äußerlichkeiten wie dem Praxisoutfit, aber eben auch in der ganzen Arbeit und dem Auftreten der Mitarbeiter:innen.


Vom Leitbild zur Corporate Philosophy

Wenn die Praxisphilosophie in das ganze Erscheinungsbild der Praxis Eingang findet, wird auch von einer schlüssigen Corporate Identity gesprochen. Diese setzt sich im Wesentlichen aus den folgenden drei Teilen zusammen:

1. Corporate Design
Darunter versteht man die visuelle Außendarstellung der Praxis: Logo, Visitenkarten, Arbeitskleidung, Internetauftritt, Informationsmaterial und nicht zuletzt die Praxiseinrichtung. Wichtig ist dabei, eine klare Linie zu verfolgen, die der Praxis ein einheitliches und konsequentes Erscheinungsbild verleiht.

2. Corporate Communication
Die Art und Weise, wie in der Praxis mit Patient:innen kommuniziert wird, legt die Praxisphilosophie offen. Dies schließt vor allem das ein, was explizit formuliert wird, zum Beispiel auf der Website, in einem Flyer oder in Werbeanzeigen. Zum anderen ist aber auch die Kommunikation gemeint, die Patient:innen im persönlichen Umgang mit den Therapeut:innen oder den Praxishilfen erfahren – angefangen mit der Terminvergabe. Dabei geht es nicht nur um das Gesagte, sondern ebenso um Tonfall, Gestik und Mimik.

3. Corporate Behavior
Gemeint ist hier vor allem das Verhalten der Mitarbeiter:innen im Praxisalltag untereinander sowie in der zwischenmenschlichen Beziehung mit den Patient:innen. Spätestens hier zeigt sich, ob das Leitbild den Realitätscheck übersteht. Achtung: Gibt es hier eine wahrnehmbare Diskrepanz, ist dies auf jeden Fall negativer, als wenn nie ein Leitbild formuliert worden wäre.