SHV zum Heilmittel-Report: Reformen statt Kostendebatte

Der Spitzenverband der Heilmittelverbände kritisiert, dass die Begleitkommunikation zum AOK-Report die Ausgaben in den Vordergrund stellt.

Der Spitzenverband der Heilmittel (SHV) hat sich zum Heilmittel-Report 2026 des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) geäußert. Der Report bestätigt aus Sicht des Verbands Probleme, die die Therapieberufe seit Jahren benennen: Fachkräftemangel, veraltete Berufsgesetze, fehlende Forschungsstrukturen sowie Nachholbedarf bei Bürokratieabbau, Digitalisierung und interprofessioneller Versorgung.

Kritik an der Schwerpunktsetzung

Der SHV bemängelt, dass die Pressekommunikation der Auftraggeber vor allem steigende Heilmittelausgaben und die Kosten der Blankoverordnung hervorhebt. Der Report selbst behandelt die strukturellen Herausforderungen deutlich breiter. Die Vergütungsverbesserungen der vergangenen Jahre, etwa durch die Entkopplung von der Grundlohnsumme, betrachtet der SHV als Ausgleich für die langjährige Benachteiligung vor 2017. Heilmittel sind für ihn kein isolierter Kostenfaktor: Sie erhalten Mobilität, Kommunikation, Selbstständigkeit und Teilhabe und helfen, Pflegebedürftigkeit, Chronifizierung und Klinikaufenthalte zu vermeiden.

Akademisierung und Direktzugang

Als Beleg für politische Versäumnisse nennt der SHV mehrere Punkte aus dem Report. Deutschland nehme bei der Akademisierung eine Sonderrolle in Europa ein: In 82 Prozent der europäischen Länder ist für die Physiotherapie mindestens ein Bachelor Voraussetzung, in weiteren 13 Prozent ein Master. Ähnliches gilt für Ergotherapie und Logopädie. Die Berufsgesetze sind teils mehr als 30 Jahre alt, flächendeckende Forschungsstrukturen fehlen, und der Wissenschaftsrat empfiehlt seit Jahren höhere Akademisierungsquoten. In der Logopädie/Sprachtherapie war die empfohlene Quote bereits bei der Empfehlung überschritten, in anderen Berufsgruppen ist sie bis heute nicht erreicht. Der SHV teilt die Kritik von Prof. Dr. Christian Kopkow, der im Report den fehlenden politischen Willen zu einem echten Transformationsprozess bemängelt.

Auch den Direktzugang beschreibt der Report als international etabliertes Modell und verweist auf Studien zu Vorteilen bei Wartezeiten, Effizienz und Ressourceneinsatz. Der SHV sieht darin seine Position bestätigt und vermisst die politische Umsetzung in Deutschland.

Fachkräftemangel als Versorgungsrisiko

Der Report dokumentiert zudem den Fachkräftemangel als zentrales Risiko für die Versorgungssicherheit, bei gleichzeitig steigendem Bedarf durch Alterung, chronische Erkrankungen und Multimorbidität. Nach Darstellung des SHV gefährden lange Wartezeiten, regionale Engpässe und die Belastung der Praxen die Versorgung schon heute. Offene Stellen bleiben in den Therapieberufen länger unbesetzt als in fast allen anderen Bereichen des Gesundheitswesens.

Forderungen des SHV

Der Verband fordert:

  • angemessene wirtschaftliche Rahmenbedingungen für Therapiepraxen
  • die zügige Reform aller Heilmittelberufsgesetze
  • mehr akademische Ausbildungsangebote
  • eine stärkere Rolle der Therapieberufe in Versorgungssteuerung und Primärversorgung
  • mehr Versorgungsforschung und Qualitätsmessung
  • weniger Bürokratie und praxistaugliche Digitalisierung
  • die Förderung interprofessioneller Versorgungsstrukturen

Aus Sicht des SHV lautet die eigentliche Frage nicht, wie hoch die Kosten steigen, sondern warum die beschriebenen Defizite und Empfehlungen bislang kaum umgesetzt wurden. Die Therapieberufe seien bereit, mehr Verantwortung zu übernehmen. Am 11. November 2026 diskutiert der SHV-Vorstand beim 8. TherapieGipfel in Berlin öffentlich mit Politiker:innen und Fachleuten.

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