Politik: Wie geht es weiter?

Was erwarten Heilmittelerbringer:innen von der neuen Bundesregierung? Drei Verbandsvertreter:innen über ihre Wünsche und Forderungen.

Frau denkt über die Zukunft nach

„Nicht über die Köpfe der Therapeut:innen hinweg“

Karin Schubert, Bundesvorsitzende des Deutschen Bundesverbands für akademische Sprachtherapie und Logopädie (dbs)

„Auch in der neuen Legislaturperiode fordern wir als Vertreter der akademischen Sprachtherapie und Logopädie weiter die längst überfällige und bereits in den letzten fünf Jahren versprochene Reform der Berufsgesetze. Im aktuellen Koalitionsvertrag wird dies als Ziel leider nicht mehr konkret formuliert – sehr wohl aber im Programm einer der Regierungsparteien. Die dagegen im Vertrag ausdrücklich erwähnten Modellvorhaben zum Direktzugang sind für uns ein wichtiger Baustein – im Gegensatz zu den bereits gesetzlich verankerten Blankoverordnungen, die der Sprachtherapie kaum Veränderungen bringen. Um den Beruf wieder dauerhaft attraktiv zu machen und den Fachkräftemangel zu lindern, muss er grundständig akademisch ausgebildet und um die Kompetenzen des Direktzuganges erweitert werden.

Wir freuen uns auf die Zusammenarbeit mit dem neuen Gesundheitsminister und werden uns dafür einsetzen, dass sein Fokus sowie der der Mitglieder des neuen Gesundheitsausschusses trotz der Herausforderungen der Pandemie auch auf der Weiterentwicklung des Heilmittelbereichs liegt. Die Reformen, die mit der Unterstützung des Bundestagsabgeordneten und Physiotherapeuten Dr. Roy Kühne in der Vergangenheit auf den Weg gebracht wurden, müssen unter den neuen und sicher nicht einfacheren Bedingungen fortgesetzt werden. Im Koalitionsvertrag geht es auch um mehr Mitsprache für die Berufsverbände im Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA). Dies ist in Anbetracht der festgefahrenen Strukturen keine leichte Aufgabe. Wir werden uns der Aufgabe aber gern stellen, da wir es schon viele Jahre als dringend notwendig ansehen, dass Entscheidungen im G-BA zu Belangen der Heilmittelerbringer:innen auch von uns mitbestimmt werden. Sie dürfen nicht wie in der Vergangenheit über die Köpfe der Therapeut:innen hinweg getroffen werden.“


„Mehr Autonomie für die Therapeut:innen“

Hans Ortmann, Bundesvorsitzender des Verbands Physikalische Therapie (VPT)

„Unsere Erwartungen an die neue Legislatur und die neue Bundesregierung sind klar: Wir brauchen eine nachhaltige Attraktivitätssteigerung der physiotherapeutischen Berufe! Konkret bedeutet das: Nachdem die Durchsetzung eines bundeseinheitlichen Rahmenvertrages einen ersten Teilerfolg markiert hat, sehen wir die Regierung nun in der Pflicht, die Umsetzung der vom Gesetz vorgesehenen ‚angemessenen‘ Preise zur Ermöglichung einer wirtschaftlichen Praxisführung und leistungsgerechter Löhne voranzubringen. Durch den im Koalitionsvertrag genannten Direktzugang und eine neue Leistungsbeschreibung mit flexibleren Behandlungszeiten wollen wir außerdem endlich mehr Autonomie für unsere Therapeut:innen erwirken. Die Modernisierung der Ausbildungsinhalte mit der Integration von Zertifikatspositionen und das Thema Akademisierung bilden ebenfalls zentrale Anliegen.

Ergänzt wird unsere Forderungsliste schließlich durch das Drängen auf eine Stärkung der interprofessionellen Zusammenarbeit und eine baldige Anbindung an die Telematikinfrastruktur (TI), die wesentlich zum dringend nötigen Bürokratieabbau beitragen würde. Gelingt es nicht, die Berufsbilder durch eine wirklich angemessene Vergütung, mehr Autonomie in der Behandlung und eine weitgehende Reform der Berufsgesetze grundlegend aufzuwerten, wird der Fachkräftemangel, der schon jetzt erschreckende Ausmaße angenommen hat, zu einer kaum mehr zu schließenden Lücke in der Patientenversorung führen. So weit wollen wir es nicht kommen lassen. Um diese bedrohliche Entwicklung erfolgreich stoppen zu können, braucht es einen verlässlichen Partner in der Politik, der den Ernst der Lage nicht nur erkennt, sondern auch entschieden handelt. Wir freuen uns darauf, mit der neuen Bundesregierung gemeinsam die Rahmenbedingungen der Branche zukunftsfähig zu gestalten.“


„Die Rahmenbedingungen müssen angepasst werden“

Christine Donner, Geschäftsführende Vorsitzende des Bundesverbands für Ergotherapeuten in Deutschland (BED)

„Ergotherapeutische Leistungen helfen in unterschiedlichen Settings, die kommenden Herausforderungen einer älter werdenden und bewegungsarmen Gesellschaft zu meistern. Doch um diese Wirkung zu entfalten, müssen die Rahmenbedingungen angepasst werden, damit Ergotherapeut:innen auch optimal versorgen können. Im Koalitionsvertrag entdeckt man an vielen Stellen Ansatzpunkte, bei denen die Heilmittelerbringer:innen mitgedacht werden (müssen) und auf die der BED e. V. durch ein auf seiner Website veröffentlichtes Positionspapier bereits aufmerksam macht. Die Bekämpfung von altersabhängigen Erkrankungen, eines der Ziele im Koalitionsvertrag, ist ohne die Mitwirkung der Ergotherapeut:innen gar nicht denkbar. Die große Herausforderung des Pflegenotstandes ist nur mit ihrer Hilfe zu bewältigen. Für eine schnelle und nachhaltige Rückkehr an den Arbeitsplatz, für wirtschaftlichen Wohlstand und internationale Wettbewerbsfähigkeit sorgen Heilmittelerbringer:innen.

Daraus folgt: Bevölkerungsgesundheit braucht Heilmittelversorgung, und Wirtschaftskraft braucht eben Bevölkerungsgesundheit. Gesundheit ist für die Koalitionäre das drittwichtigste Zukunftsfeld und wird daher eine bedeutende Rolle spielen. Wir bieten der Bundesregierung aktiv die Nutzung unseres Wissens dafür an. Die Koalition will die Arbeitsbedingungen in den Bereichen, in denen bereits jetzt ein Fachkräftemangel herrscht, attraktiver machen. Da stehen die Ergotherapeut:innen noch vor der viel diskutierten Pflege in der Rangliste ganz vorne. Hier muss die Politik nachsteuern. Auch warten wir auf die zugesagte Reform des G-BA mit den längst überfälligen erweiterten Mitsprachemöglichkeiten. Fazit: Auf Grund der von den Koalitionären gesetzten Ziele erwarten wir daher so einiges an positiven politischen Entwicklungen für Ergotherapeut:innen!“