Unter vier Augen: "Die eVerordnung muss funktionieren"
Herr Münch, warum hat der BIVOT das Thema eVerordnung selbst in die Hand genommen?
Thomas Münch: Wir haben bei der Einführung der eVerordnung in den Apotheken erlebt, was passiert, wenn Prozesse nicht ausgereift sind. Es fehlten Korrekturmöglichkeiten, es kam zu vielen Abrechnungsrückläufern und insgesamt bestand große Unsicherheit. Das sollte uns in der Hilfsmittelversorgung nicht passieren. Deshalb war klar, dass wir selbst ein Pilotprojekt
aufsetzen müssen, um Fehler frühzeitig zu erkennen und zu vermeiden.
Herr Dr. Pfänder, wie bewerten Sie diesen Ansatz aus Sicht eines Abrechnungsdienstleisters?
Dr. Jochen Pfänder: Aus unserer Sicht ist das der richtige Weg. Digitalisierung scheitert oft nicht an der Idee, sondern an der Umsetzung im Alltag. Wenn Prozesse nicht bis zur Abrechnung durchdacht sind, entstehen Liquiditätsrisiken für die Betriebe. Ein frühzeitiger Praxistest hilft, genau das zu vermeiden.
Herr Münch, was war das zentrale Ziel dieses Pilotprojekts?
Thomas Münch: Unser Ziel war es, die eVerordnung praxisnah zu testen, das heißt so, wie sie später im Betrieb genutzt wird, und nicht nur theoretisch. Dazu haben wir Fachdienste der gematik und eine Branchensoftware nachgebaut, um reale Abläufe abzubilden. Entscheidend war, dass die Betriebe am Ende wirklich damit arbeiten können.
Herr Dr. Pfänder, wo entstehen bei Digitalprojekten im Gesundheitswesen typischerweise die größten Probleme?
Dr. Jochen Pfänder: Häufig an den Schnittstellen. Unterschiedliche IT-Systeme, individuelle Kassenanforderungen und fehlende Standards führen dazu, dass digital gestartete Prozesse am Ende doch wieder manuell nachbearbeitet werden müssen. Das kostet Zeit und Geld und konterkariert den eigentlichen Nutzen.
Herr Münch, wie bewerten Sie die politischen Zeitpläne zur Einführung der eVerordnung?
Thomas Münch: Der aktuell genannte Termin, der 1. Oktober 2027, hat mich zwar enttäuscht, ist aber im Grunde zweitrangig. Viel wichtiger ist, dass wir vorbereitet sind, wenn die Politik entscheidet, die eVerordnung für Hilfsmittel freizuschalten. Aussagen aus der Politik zeigen, dass die Besonderheiten unserer Branche oft nicht ausreichend berücksichtigt werden.
„Wenn politische Entscheidungen die technische Umsetzung bei Betrieben und Kostenträgern überholen, entsteht kein Effizienzgewinn, sondern zusätzlicher Aufwand.“
– Dr. Jochen Pfänder, Geschäftsführer Optica Abrechnungszentrum Dr. Güldener GmbH
Herr Dr. Pfänder, wie realistisch sind aus Ihrer Sicht die Entlastungsversprechen?
Dr. Jochen Pfänder: Genau an diesem Punkt zeigt sich, wie wichtig eine gute Vorbereitung ist. Entlastung ist realistisch, wenn digitale Prozesse sauber bis zur Abrechnung durchlaufen werden und Stammdaten automatisiert übernommen werden. Wenn politische Entscheidungen die technische Umsetzung bei Betrieben und Kostenträgern überholen, entsteht kein Effizienzgewinn, sondern zusätzlicher Aufwand.
Wo sehen Sie derzeit die größten Herausforderungen?
Thomas Münch: Die größte Baustelle ist derzeit die Abrechnung mit den Krankenkassen. Wir können den Abruf und die Verarbeitung der eVerordnung abbilden, aber die Kostenträger müssen die Daten auch automatisiert verarbeiten können. Gerade bei den rechnungsbegründenden Unterlagen gibt es noch erheblichen Klärungsbedarf.
Dr. Jochen Pfänder: Entscheidend ist jetzt, gemeinsame Standards zu definieren. Solange jeder Kostenträger eigene Anforderungen stellt, bleibt der Prozess komplex. Erst wenn Datenformate und Prüfmechanismen einheitlich sind, entsteht echte Effizienz.
„Für uns ist die Übergabe ein wichtiger Meilenstein, aber nicht das Ende der Arbeit.“
– Thomas Münch, Vorstandsmitglied des Bundesinnungsverbandes für Orthopädie-Technik
Welche Rolle spielt die gematik?
Thomas Münch: Die gematik war über jeden Schritt informiert und hat signalisiert, dass unsere Lösung gematikkonform ist. Ob und in welcher Form sie die Ergebnisse übernimmt, liegt jedoch nicht in unserer Hand. Für uns ist die Übergabe ein wichtiger Meilenstein, aber nicht das Ende der Arbeit.
Wann wäre die eVerordnung für Sie ein Erfolg?
Thomas Münch: Sie wäre ein Erfolg, wenn eVerordnung und Papierrezept übergangsweise parallel funktionieren und die Betriebe frei entscheiden können, welchen Weg sie nutzen. Niemand sollte ins kalte Wasser geworfen werden. Digitalisierung darf die Versorgung nicht gefährden, sondern muss sie absichern, gerade mit Blick auf Abrechnung und Liquidität.
Dr. Jochen Pfänder: Ich würde den Erfolg daran messen, ob digitale Verordnungen tatsächlich stabile, durchgängige Prozesse ermöglichen. Wenn Abrechnungen ohne Rückläufer laufen, Medienbrüche entfallen und die Betriebe Planungssicherheit haben, dann ist die eVerordnung ein Fortschritt. Wenn nicht, muss konsequent nachgesteuert werden.