Talk mit Piel | Verschoben ist nicht aufgehoben – aber Stillstand fühlt sich trotzdem falsch an

Es fühlt sich trotz allem Verständnis einfach nicht richtig an.

Die Frist zum Anschluss der Heil- und Hilfsmittelerbringer an die Telematikinfrastruktur (TI) wurde nun also endgültig verschoben – auf den 1. Oktober 2027. In § 360 SGB V, Absatz 8 heißt es: „Um Verordnungen nach den Absätzen 5, 6 oder Absatz 7 elektronisch abrufen zu können, haben sich Erbringer von Leistungen der häuslichen Krankenpflege nach § 37 sowie der außerklinischen Intensivpflege nach § 37c bis zum 1. Juli 2025, Erbringer von Leistungen der Soziotherapie nach § 37a bis zum 1. April 2027, Heil- und Hilfsmittelerbringer sowie Erbringer der weiteren in Absatz 7 Satz 1 genannten Leistungen bis zum 1. Oktober 2027 an die Telematikinfrastruktur nach § 306 anzuschließen.“

Juristisch sauber formuliert. Inhaltlich begründet mit der Verschiebung der Einführung der elektronischen Heilmittel- und Hilfsmittelverordnung. Aber emotional? Für mich schwierig.

Natürlich: Die TI ist eines der größten Digitalisierungsprojekte im Gesundheitswesen – nicht nur in Deutschland, sondern vermutlich sogar weltweit. Niemand bestreitet die Komplexität. Niemand unterschätzt den Aufwand. Und trotzdem bleibt ein ungutes Gefühl.

Denn über Jahre hinweg wurde den Heil- und Hilfsmittelerbringern von der Politik klar signalisiert: Die TI ist essenziell. Bereitet euch vor. Der Markt hat reagiert und sich auf den ursprünglich avisierten Termin 2026 eingestellt. Es wurde investiert – in Technik, in Prozesse, in Know-how. Und jetzt? Erst einmal Pause und quasi ein Neustart.

Dabei geht es ja nicht nur um die eVerordnung. Der eigentliche Mehrwert der TI liegt tiefer: in der sicheren Kommunikation über KIM und TIM, später auch in stabilen, datenschutzkonformen Videoverbindungen. Kurz gesagt: in echter digitaler Zusammenarbeit im Gesundheitswesen. Diese Potenziale rücken nun wieder in die Ferne.

Die Skeptiker fühlen sich bestätigt. „Das wird doch wieder nichts“, heißt es – und leider steckt diese Haltung an. Ich selbst bin ein positiv denkender Mensch und nehme die Gematik beim Wort, wenn sie sagt, dass das E-Rezept schrittweise für alle Akteure eingeführt wird und Sanitätshäuser sowie andere Leistungserbringer keine Nachteile befürchten müssen – sobald Hilfsmittel elektronisch verordnet werden können, soll auch der Anschluss folgen. So lautet die Zusage.

Gleichzeitig erhöhen die Krankenkassen den Druck. Der AOK-Bundesverband, BARMER, BITMARCK, BKK-Dachverband, DAK-Gesundheit, HEK, IKK e.V., SBK Siemens-Betriebskrankenkasse und die Techniker Krankenkasse verlangen in einem Forderungspapier einen klaren Handlungsrahmen, mehr Mitbestimmung und eine faire Finanzierung der Gematik. Sie wollen nicht nur Nutzer, sondern aktive Gestalter der Digitalisierung sein. Auch das ist nachvollziehbar.

Und ich verstehe ebenso die Stimmen aus Verbänden, die sagen, man sei noch nicht so weit und brauche mehr Vorbereitungszeit. Aber genau hier liegt die Gefahr. Wenn wir zu lange warten, starten wir nicht gemeinsam und beginnen unsere Reise erst, wenn der Zug längst losgefahren ist. Digitalisierung funktioniert nicht im Wartemodus. Sie braucht Bewegung, auch wenn nicht alles perfekt ist.


Thomas Piel verfügt über drei Jahrzehnte Branchenerfahrung, vor allem im Hilfsmittelbereich. Als Leiter Gesundheitspolitik/Strategische Kooperationen bei Optica ist er bestens vernetzt mit Verbänden, Krankenkassen und politischen Entscheidern und immer auf der Suche nach neuen Möglichkeiten der Zusammenarbeit, um die Branche voranzubringen. In seiner Freizeit trifft man ihn laufend, radfahrend oder auf Spurensuche mit seinem Dackel Luca im Wald.  

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