Talk mit Piel | Sparen um jeden Preis? Der neue Kurs in der Gesundheitspolitik.

Mit dem Beschluss des Bundeskabinetts zum „GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz“ ist aus einem Referentenentwurf nun politische Realität geworden – zumindest in der ersten entscheidenden Phase. Hinter dem technisch klingenden Titel verbirgt sich ein weitreichender Eingriff in nahezu alle Versorgungsbereiche – von Heil- und Hilfsmitteln bis hin zu Verbandmitteln. Die Botschaft ist eindeutig: Jeder Bereich soll beitragen. Die eigentliche Frage lautet jedoch: zu welchem Preis?

Breiter Druck auf die Versorgung

Gerade in der Hilfsmittelversorgung greifen die beschlossenen Maßnahmen tief in die Praxis ein. Die stärkere Orientierung an Festbeträgen und Herstellerpreisen sowie die Begrenzung der Vergütungsentwicklung an der Grundlohnrate setzen Leistungserbringer strukturell unter Druck. Hinzu kommt nun verbindlich ein befristeter Abschlag von drei Prozent auf vertraglich vereinbarte Vergütungen für Versorgungen im Zeitraum 2027 bis 2028. Trotz deutlicher Kritik aus der Branche wurde der umstrittene Ansatz nun unverändert politisch beschlossen.

In der Summe entsteht eine spürbare wirtschaftliche Belastung mit unmittelbaren Folgen für die Versorgungsrealität. Der Spielraum für hochwertige, individuell angepasste Lösungen wird enger.

Dabei wird ein zentraler Punkt häufig übersehen: Gute Hilfsmittelversorgung ist kein „Nice-to-have“, sondern entscheidend für Selbstständigkeit, Lebensqualität und die Vermeidung späterer Folgekosten.

Die unterschätzen Folgekosten 

Wer an der Erstversorgung spart, zahlt morgen doppelt – oder mehr. Fehlbelastungen durch unzureichende Prothesen führen zu weiteren Eingriffen. Chronische Wunden, die nicht optimal versorgt werden, verlängern Behandlungszeiten erheblich. Und schlecht sitzende Hilfsmittel entscheiden im Zweifel darüber, ob Menschen selbstständig bleiben oder pflegebedürftig werden.

Dass im Entwurf auf Ausschreibungen verzichtet wird, wirkt auf den ersten Blick wie ein Fortschritt. Tatsächlich entstehen jedoch neue Mechanismen, die denselben Effekt erzeugen: sinkende Vergütungsspielräume, wachsender wirtschaftlicher Druck und weniger Raum für Qualität.

Hilfsmittelmarkt: Zwischen Regulierung und Entbürokratisierung

Wer an der Erstversorgung spart, zahlt morgen doppelt – oder mehr. Fehlbelastungen durch unzureichende Prothesen führen zu weiteren Eingriffen. Chronische Wunden, die nicht optimal versorgt werden, verlängern Behandlungszeiten erheblich. Und schlecht sitzende Hilfsmittel entscheiden im Zweifel darüber, ob Menschen selbstständig bleiben oder pflegebedürftig werden.

Auch wenn auf klassische Ausschreibungen verzichtet wird, entstehen neue Mechanismen mit ähnlicher Wirkung: sinkende Vergütungsspielräume, wachsender wirtschaftlicher Druck und weniger Raum für Qualität.

Deutliche Kritik aus der Branche 

Die Reaktionen aus der Hilfsmittelbranche auf den Kabinettsbeschluss fallen entsprechend deutlich aus und der BIV-OT sowie das Bündnis WvD kritisieren den Beschluss. Die Verbände warnen vor strukturellen Schäden in einem Bereich, der bereits heute unter wirtschaftlichem Druck steht. „Hier wird Disziplin bestraft und die orthopädietechnischen Betriebe und Sanitätshäuser zum Prügelknaben gemacht“, so Alf Reuter, Präsident des BIV-OT.

Kritisiert wird insbesondere der pauschale Charakter der Maßnahmen: Es wird nicht ausreichend zwischen standardisierten Produkten und hochindividuellen Versorgungen mit hohem Dienstleistungsanteil unterschieden. Gerade diese Differenzierung ist jedoch entscheidend für die Versorgungsqualität – insbesondere bei vulnerablen Patientengruppen wie Kindern, Menschen mit Behinderungen oder Schwerstverletzten.

Die Folge davon werden weniger Versorgungsangebote, längere Wartezeiten und eine Ausdünnung wohnortnaher Strukturen im ländlichen Raum sein.

Die eigentliche Frage: Wie viel Steuerung verträgt Versorgung?

Natürlich ist die Ausgangslage ernst. Die gesetzliche Krankenversicherung steht unter erheblichem Finanzdruck. Ohne Gegenmaßnahmen würde die Finanzierungslücke bis 2030 auf über 40 Milliarden Euro anwachsen, gleichzeitig drohen steigende Zusatzbeiträge von bis zu 4,7 Prozent.

Die insgesamt 66 Maßnahmen sollen bis zu 63,9 Milliarden Euro Entlastung bringen. Doch die entscheidende Frage ist nicht, ob gesteuert werden muss – sondern wie.

Der Kabinettsbeschluss markiert dabei keinen Endpunkt, sondern den Übergang in das parlamentarische Verfahren. In den kommenden Wochen besteht noch die Möglichkeit, Korrekturen vorzunehmen.

Fazit: Sparen ist kein Konzept

Meiner Ansicht nach greift dieser Ansatz an entscheidenden Stellen zu kurz: Wer heute bei der Versorgung spart, zahlt morgen nicht weniger.

Genau deshalb kommt es jetzt darauf an, die verbleibende Zeit im parlamentarischen Verfahren zu nutzen. Denn noch gibt es die Möglichkeit, an einzelnen Stellschrauben nachzusteuern und pauschale Regelungen besser auszudifferenzieren. 

Für die Hilfsmittelbranche heißt das: Position beziehen, Erfahrungen aus der Praxis einbringen und den Austausch mit der Politik aktiv suchen.


Thomas Piel verfügt über drei Jahrzehnte Branchenerfahrung, vor allem im Hilfsmittelbereich. Als Leiter Gesundheitspolitik/Strategische Kooperationen bei Optica ist er bestens vernetzt mit Verbänden, Krankenkassen und politischen Entscheidern und immer auf der Suche nach neuen Möglichkeiten der Zusammenarbeit, um die Branche voranzubringen. In seiner Freizeit trifft man ihn laufend, radfahrend oder auf Spurensuche mit seinem Dackel Luca im Wald.  

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