Talk mit Piel | TI und KIM – oder Bonnie & Clyde
In Gesprächen mit Leistungserbringern stelle ich allerdings immer wieder fest, dass die TI für viele noch erstaunlich weit weg wirkt. Nicht unbedingt, weil sie unbekannt wäre. Sondern weil häufig noch die Frage im Raum steht: Was bedeutet das eigentlich ganz konkret für mein Unternehmen?
Dabei begegnen mir ganz unterschiedliche Menschen. Die einen entwickeln bereits die nächsten großen KI-Ideen für den Gesundheitsmarkt und überlegen, wie sich Prozesse mit künstlicher Intelligenz völlig neu gestalten lassen. Andere sind schon froh, wenn sie ihr Tagesgeschäft ohne zusätzliche digitale Baustellen bewältigen können.
Und irgendwo dazwischen liegt die Realität.
Dort hält sich nach wie vor hartnäckig der Gedanke: „Das wird schon irgendwie funktionieren. Hat ja bisher auch funktioniert.“
Ich bin mir da nicht so sicher.
Die TI kommt – nur nicht mit einem großen Knall
Die Telematikinfrastruktur wird nicht eines Morgens mit einem großen Knall über uns hereinbrechen. Niemand wird plötzlich einen Schalter umlegen und verkünden: Ab heute ist das Gesundheitswesen digital.
Die Veränderung passiert viel unspektakulärer – Anwendung für Anwendung, Prozess für Prozess. Was heute noch per Post verschickt, ausgedruckt, eingescannt oder telefonisch abgestimmt wird, kann morgen bereits digital stattfinden.
Natürlich muss deshalb niemand zum Digitalexperten werden. Aber jedes Unternehmen wird sich irgendwann damit beschäftigen müssen, was die neuen Möglichkeiten für die eigenen Abläufe bedeuten.
Genau deshalb lohnt es sich, nicht erst hinzuschauen, wenn die Anbindungspflicht bereits an der Tür klopft.
KIM: Mehr als nur digitale Kommunikation
Ein gutes Beispiel dafür ist KIM, die „Kommunikation im Medizinwesen“.
KIM ermöglicht den sicheren digitalen Austausch von medizinischen Dokumenten und Nachrichten über die Telematikinfrastruktur. Befunde, Bescheinigungen und andere sensible Informationen können damit zwischen unterschiedlichen Akteuren im Gesundheitswesen ausgetauscht werden – etwa zwischen Arztpraxen, Krankenhäusern, Reha- und Pflegeeinrichtungen, Apotheken oder Krankenkassen.
Auf den ersten Blick klingt das nach einem klassischen IT-Thema. Ist es aber eigentlich gar nicht.
Denn spannend wird es dort, wo KIM den Arbeitsalltag verändert:
Was passiert in meinem Unternehmen, wenn Informationen nicht mehr per Post eintreffen? Was verändert sich, wenn ein Dokument nicht mehr ausgedruckt, eingescannt und anschließend abgelegt werden muss? Wer erhält die Information, wer bearbeitet sie und wer antwortet darauf? Und was bedeutet das für die Zusammenarbeit mit Kunden und Geschäftspartnern?
Spätestens hier wird aus einem technischen ein unternehmerisches Thema.
Thomas Piel verfügt über drei Jahrzehnte Branchenerfahrung, vor allem im Hilfsmittelbereich. Als Leiter Gesundheitspolitik/Strategische Kooperationen bei Optica ist er bestens vernetzt mit Verbänden, Krankenkassen und politischen Entscheidern und immer auf der Suche nach neuen Möglichkeiten der Zusammenarbeit, um die Branche voranzubringen. In seiner Freizeit trifft man ihn laufend, radfahrend oder auf Spurensuche mit seinem Dackel Luca im Wald.
Wenn Digitalisierung auf Kommunikation trifft
Digitalisierung wird häufig mit Effizienz verbunden: Prozesse werden schneller, Medienbrüche verschwinden, Papier wird eingespart und Informationen stehen früher zur Verfügung. Gerade im Gesundheitswesen kann die sichere digitale Kommunikation über KIM wertvolle Freiräume schaffen und die Zusammenarbeit erleichtern.
Doch Effizienz ist nur die halbe Geschichte.
Denn wenn ein digitaler Prozess einen bisherigen Kontakt ersetzt, verändert sich auch die Beziehung zwischen den Beteiligten. Ein Brief muss nicht mehr verschickt werden. Ein Telefonat ist vielleicht nicht mehr nötig. Eine Information kommt automatisch dort an, wo sie gebraucht wird.
Das ist zunächst einmal gut.
Aber was passiert mit dem Kontakt, der dadurch wegfällt?
Gerade aus Sicht von Personal und Kundenbeziehung ist das eine interessante Frage. Digitalisierung muss schließlich nicht bedeuten, dass persönliche Kontakte weniger wichtig werden. Im Gegenteil: Wenn Routinekommunikation digital und effizient funktioniert, entsteht möglicherweise mehr Zeit für die Gespräche, bei denen persönlicher Austausch wirklich einen Unterschied macht.
Für Beratung. Für gemeinsame Lösungen. Für schwierige Fragen. Und für den Aufbau langfristiger Beziehungen.
Die Herausforderung besteht deshalb nicht darin, digitale Prozesse gegen persönliche Kundenbetreuung auszuspielen. Die eigentliche Aufgabe ist, beides sinnvoll miteinander zu verbinden.
Wenn eine Information künftig automatisch und sicher über KIM ausgetauscht wird, müssen wir darüber nicht mehr telefonieren. Vielleicht ist das sogar eine Erleichterung für beide Seiten.
Wenn dieses Telefonat allerdings bisher der Moment war, in dem ein Mitarbeiter ganz nebenbei erfahren hat, was den Kunden gerade beschäftigt, sieht die Sache schon anders aus.
Die interessantere Frage: Was macht KIM mit unserem Unternehmen?
Deshalb sollte die Auseinandersetzung mit der TI nicht bei der technischen Frage enden: „Wie bekommen wir das zum Laufen?“
Viel interessanter ist:
Was macht die Digitalisierung mit unserem Unternehmen?
Welche Prozesse verändern sich? Welche Aufgaben und Rollen verschieben sich? Und wo entstehen vielleicht ganz neue Möglichkeiten, mit Kunden in Kontakt zu treten?
Es geht nicht darum, analoge Prozesse eins zu eins digital abzubilden. Es geht darum, zu verstehen, was sich verändert – und diese Veränderung bewusst zu gestalten.
Denn was digital effizienter wird, sollte nicht automatisch menschlich distanzierter werden.
Im besten Fall passiert sogar das Gegenteil: Die Technik übernimmt das, was sie besser kann, und der Mensch gewinnt Zeit für das, was nur schwer digital zu ersetzen ist.
Frühes Handeln für mehr Sicherheit
Wer frühzeitig versteht, welche Prozesse betroffen sind, kann sich darauf einstellen und neue Möglichkeiten gezielt nutzen. Wer erst reagiert, wenn die neuen Anwendungen längst zum Alltag gehören, muss Veränderungen dagegen häufig unter Zeitdruck bewältigen.
Und vielleicht ist genau das die eigentliche Botschaft hinter TI und KIM – oder, um bei Bonnie & Clyde zu bleiben:
Die beiden kommen nicht plötzlich um die Ecke.
Sie sind längst unterwegs.
Die gute Nachricht ist: Es ist noch Zeit einzusteigen.
Aber man sollte zumindest wissen, wohin die Reise geht.