Frauen in Führung – Mit Herz und Haltung
Morgens im Sanitätshaus Schnitzlein im schwäbischen Illertissen: Während vorne Bandagen angepasst werden, klingelt hinten das Telefon. In der Werkstatt herrscht Hochbetrieb und im Lager warten Lieferungen. Und mittendrin: Aurelia Schnitzlein-Funk. Sogar damals, als sie mit ihrem wenige Wochen alten Sohn im Tragetuch wieder im Betrieb stand. Nicht, weil es jemand von ihr erwartet hat, sondern weil sie ihr Unternehmen und sich selbst lange darauf vorbereitet hatte.
„Ich konnte nicht einfach sagen: Jetzt bin ich schwanger, das wird schon irgendwie klappen“, sagt sie heute. Also dachte sie die Situation lange im Voraus durch, stellte Strukturen um, verteilte Verantwortung neu und sorgte dafür, dass das Sanitätshaus auch ohne sie funktionieren kann. „Ich habe eine Verantwortung für die Mitarbeitenden und kann nicht einfach die Tür zusperren und sagen: nach mir die Sintflut.“
Solche Sätze fallen bei Schnitzlein-Funk oft. Sie ist bodenständig und direkt. Die Geschäftsführerin des Sanitätshauses Schnitzlein spricht nicht wie jemand, der Führung in Seminaren gelernt hat, sondern wie jemand, der sie sich im Alltag selbst erarbeiten musste. Denn ihre Rolle als Chefin war nicht so schnell geplant. 2008 begann sie ihre Ausbildung zur Orthopädietechnik-Mechanikerin in einem anderen Betrieb. 2011 kehrte sie ins Familienunternehmen zurück und wuchs dort schneller in Verantwortung hinein als gedacht. Beide Eltern waren damals gesundheitlich angeschlagen, plötzlich musste sie die Entscheidungen treffen. Sie war Anfang 20 und führte auf einmal ein Team aus deutlich älteren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.
„Da habe ich erst einmal einfach nur funktioniert“, sagt sie rückblickend. „Ich habe gar nicht darüber nachgedacht, was es bedeutet, Chefin zu sein.“ Gerade in Familienunternehmen sei der Übergang oft ein schleichender Prozess. Irgendwann stehe zwar der Titel auf dem Papier, aber ob man jedoch wirklich als Führungskraft akzeptiert wird, zeige sich erst im Alltag. Für diesen Gedanken findet sie einen schönen Vergleich: „Das ist wie beim Elternsein. Man ist zwar faktisch Vater oder Mutter, aber wann fühlt man sich wirklich in der Rolle angekommen?“
„Wir wollen nicht, dass jeder versucht zu erraten, wie der andere gerade denkt“, sagt Aurelia Schnitzlein-Funk. Man solle lieber direkt ansprechen, was stört oder belastet.
Heute arbeiten rund 25 Menschen in dem Betrieb. Auf die Frage, was ihre Art zu führen ausmacht, antwortet sie nicht mit Begriffen wie „Leadership“ oder „New Work“. Stattdessen spricht sie über Menschen und darüber, Mitarbeitende entsprechend ihrer Stärken einzusetzen. Ihr
ist es wichtig, Dinge immer offen anzusprechen. Probleme sollen nicht unter den Teppich gekehrt werden. „Wir wollen nicht, dass jeder versucht zu erraten, wie der andere gerade denkt“, sagt sie. Man solle lieber direkt ansprechen, was stört oder belastet.
Ein weiterer Leitsatz ist: Fachwissen ist zwar wichtig, aber nicht alles. „Fachlichkeit kann man lernen. Menschlichkeit nicht.“ Diesen Satz meint sie ernst. Deshalb investiert der Betrieb seit Jahren in Coachings für das gesamte Team zu Themen wie Stressbewältigung, Kommunikation oder emotionaler Belastung im Arbeitsalltag. Gerade im Gesundheitsbereich würden viele Mitarbeiter schwierige Situationen erleben, sagt Schnitzlein-Funk.
Manche Patienten sterben, andere kommen mit schweren Schicksalen ins Haus. „Da musst du lernen, wie du empathisch bleibst, ohne selbst daran kaputtzugehen.“
Dass sie als Frau in einer nach wie vor männlich geprägten Branche oft unterschätzt wurde, erwähnt sie hingegen nur am Rande. Verbitterung klingt dabei nicht mit. Eher klingt Verwunderung mit – und manchmal Humor. Ein Erlebnis ist ihr besonders im Gedächtnis geblieben. Ein Hersteller kam für eine Produktschulung ins Haus. Als Schnitzlein-Funk etwas verspätet dazustößt, hält der ältere Referent sie offenbar für eine Mitarbeiterin und macht abfällige Witze. „Das ist so einfach zu montieren, das kriegt sogar das kleine Blondchen hier hin“, sagte er vor versammelter Mannschaft.
Zunächst reagiert sie gar nicht: „Ich wusste, dass der Moment kommen würde, in dem ihm klar wird, wer ich bin.“ Und tatsächlich: Als der Mann später ihr Namensschild bemerkt und erkennt, dass die junge Frau vor ihm die Chefin des Hauses ist, wird er plötzlich still. Er habe sich nie entschuldigt, aber am Ende seinen kompletten Musterkoffer und das ganze Material dagelassen, erzählt sie lachend. „Das war wohl seine Art, sich zu entschuldigen.“
Letztendlich ist es diese Mischung, die ihre Führung prägt: handwerkliche Kompetenz, unternehmerische Verantwortung und ein sehr genauer Blick für Menschen.
Solche Situationen gab es immer wieder: Vertreter, die „auf den Chef“ warten wollten, obwohl sie vor ihnen stand. Oder Kunden, die sie zunächst für eine Auszubildende hielten. Für Schnitzlein-Funk gehört das inzwischen fast zum Alltag. Als Chefin hat sie es dabei natürlich leichter als andere Mitarbeiterinnen, da ihre Position ihr mehr Rückhalt und Handlungsspielraum gibt. Jungen Frauen im Handwerk rät sie deshalb, abwertende Sprüche nicht einfach hinzunehmen. Gerade als Auszubildende sei das zwar schwierig – und emotional zu reagieren, helfe meist nicht weiter. Besser sei es, ruhig und schlagfertig zu kontern. So wird dem Gegenüber klar: bis hierhin und nicht weiter.
Letztendlich ist es diese Mischung, die ihre Führung prägt: handwerkliche Kompetenz, unternehmerische Verantwortung und ein sehr genauer Blick für Menschen. Schnitzlein-Funk führt nicht über Lautstärke oder Status, sondern über Vertrauen, Klarheit und Verlässlichkeit. Klare Strukturen, geteilte Verantwortung und offene Kommunikation sind für sie keine leeren Managementfloskeln, sondern die Grundlage dafür, dass Führung im Alltag funktioniert.
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