Talk mit Piel | REHACARE: Wenn eine Messe den Wandel sichtbar macht
Gleichzeitig spiegelte die Messe einen Markt wider, der sich im Umbruch befindet. Neue Akteure kommen hinzu, alte Strukturen geraten unter Druck und die Frage wird drängender, wie sich die Hilfsmittelversorgung in den kommenden Jahren entwickeln wird.
Drei Prozent, die die Branche beschäftigen
Ich durfte auf der diesjährigen REHACARE für den GesundheitsProfi einen Impulsvortrag halten und anschließend an einer Podiumsdiskussion teilnehmen. Ein Thema beschäftigte die Branche dabei besonders: der geplante pauschale Preisabschlag von drei Prozent auf Hilfsmittel.
Drei Prozent mögen zunächst überschaubar klingen. Für viele Unternehmen sind sie es nicht. Die entscheidende Frage lautet: Wo sollen diese drei Prozent im eigenen Betrieb noch eingespart werden?
Diskutiert wird über effizientere Prozesse, weniger Bürokratie, schlankere Abläufe und mehr Digitalisierung. Gleichzeitig schauen Unternehmen sehr konkret auf ihre Kosten – auf Personal, freiwillige Leistungen und sinkende Margen. Das zeigt, wie unmittelbar die aktuelle Diskussion den unternehmerischen Alltag betrifft.
Hinzu kommen mögliche neue Regelungen rund um Eigenanteile, Zuzahlungen, Festbeträge und Preise, während sich der Markt auch anders verändert: Branchenfremde Akteure entdecken die Hilfsmittelversorgung zunehmend für sich, insbesondere über das Online-Geschäft.
Alte Strukturen auf dem Prüfstand
An vielen Stellen wird deshalb gerechnet, diskutiert und nach Lösungen gesucht. Und bei allem Druck denke ich manchmal: Vielleicht ist genau jetzt der richtige Zeitpunkt dafür.
Wir schleppen Verträge, Vorgaben und Versorgungswege mit uns herum, deren Grundlogik teilweise mehr als 30 Jahre alt ist. Ich sitze selbst immer wieder vor Regelungen und denke: Das kann doch heute nicht mehr unser Ernst sein.
Mein Lieblingsbeispiel ist die Sattlernähmaschine, die lange Zeit in der Präqualifizierung eine Rolle spielte. Für mich steht sie sinnbildlich dafür, wie lange sich Anforderungen halten können, obwohl die Realität längst eine andere ist.
Unternehmen arbeiten heute anders, Prozesse und Erwartungen an eine moderne Versorgung haben sich verändert. Unsere Strukturen haben damit nicht überall Schritt gehalten. Deshalb reichen die üblichen Sätze darüber, was man irgendwann einmal ändern müsste, nicht mehr. Wir brauchen konkrete Ansätze, die in den Betrieben tatsächlich etwas bewirken.
Bürokratieabbau muss praktisch werden
Eine Chance dafür bietet das angekündigte Hilfsmittelmodernisierungs- und Bürokratieabbaugesetz. Entscheidend wird sein, ob die Entlastung dort ankommt, wo sie gebraucht wird: im täglichen Geschäft der Leistungserbringer.
Ein Beispiel sind die vielen Formblätter, Nachweise und Unterschriften, die bei einer Versorgung entstehen. Konsequente Digitalisierung und elektronische Signaturen könnten hier ganz konkret entlasten.
Denn Leistungserbringer beschäftigen sich bereits mit zahlreichen regulatorischen Anforderungen – von Präqualifizierung und Zertifizierung über die MDR bis zu Dokumentations- und Nachweispflichten. Jede einzelne Vorgabe mag ihren Grund haben. In der Summe entsteht jedoch erheblicher Aufwand. Deshalb sollten wir fragen: Was brauchen wir wirklich, um Qualität zu sichern – und was lässt sich einfacher und zeitgemäßer organisieren?
Modern heißt nicht automatisch digital
Modernisierung darf dabei nicht Digitalisierung um ihrer selbst willen bedeuten. Ein Unternehmen ist nicht modern, weil es auf Social Media aktiv ist oder ein Formular als PDF verschickt. Entscheidend ist, was in den Betrieben und bei den Patientinnen und Patienten tatsächlich ankommt.
Manchmal ist Digitalisierung die richtige Lösung. Manchmal wäre es sinnvoller, einen überflüssigen Nachweis ganz abzuschaffen oder einen jahrzehntealten Prozess grundsätzlich infrage zu stellen. Wir sollten bestehende Bürokratie nicht einfach digital nachbauen, sondern Abläufe wirklich vereinfachen.
Veränderung nicht nur verwalten
Natürlich müssen wir darüber sprechen, was der wirtschaftliche Druck für die Betriebe bedeutet. Politische Maßnahmen, die ihre wirtschaftliche Grundlage berühren, gehören kritisch diskutiert. Gleichzeitig sollten wir uns nicht darauf beschränken, neue Vorgaben irgendwie in alte Strukturen einzubauen.
Wenn die aktuelle Situation dazu führt, dass wir über überholte Prozesse, unnötige Bürokratie und eine zeitgemäße Hilfsmittelversorgung sprechen, sollten wir diese Gelegenheit nutzen – ohne alte Befindlichkeiten, Zuständigkeitsdenken oder Eitelkeiten.
Die diesjährige REHACARE hat für mich einmal mehr gezeigt, warum sie ein guter Seismograph für unsere Branche ist. Auf der Messe war sichtbar, wie viel derzeit in Bewegung ist: Unternehmen verschwinden, neue Akteure kommen hinzu, wirtschaftlicher Druck wächst und alte Strukturen werden infrage gestellt.
Nicht jede Veränderung wird uns gefallen. Aber wenn ich etwas von der diesjährigen REHACARE mitnehme, dann dies: Wir sollten Veränderungen nicht nur verwalten. Wir sollten sie dort mitgestalten, wo wir es können.
Thomas Piel verfügt über drei Jahrzehnte Branchenerfahrung, vor allem im Hilfsmittelbereich. Als Leiter Gesundheitspolitik/Strategische Kooperationen bei Optica ist er bestens vernetzt mit Verbänden, Krankenkassen und politischen Entscheidern und immer auf der Suche nach neuen Möglichkeiten der Zusammenarbeit, um die Branche voranzubringen. In seiner Freizeit trifft man ihn laufend, radfahrend oder auf Spurensuche mit seinem Dackel Luca im Wald.