Talk mit Piel | TI-SUMMIT 2026: Die Hilfsmittelbranche meldet sich zu Wort
Und ich mittendrin. Mit vielen spannenden Eindrücken, einigen offenen Fragen und einer Erkenntnis, die mich besonders gefreut hat: Die Hilfsmittelbranche wird endlich sichtbarer.
Viel Zukunft auf fünf Bühnen
An Themen mangelte es in Leipzig nicht. Telematikinfrastruktur 2.0, elektronische Patientenakte (ePA), E-Rezept, Kommunikation im Medizinwesen (KIM), TI-Messenger, digitale Identitäten und künstliche Intelligenz. Die Liste war lang, die Erwartungen waren groß. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie sich Anwendungen und Daten besser vernetzen lassen und welchen konkreten Nutzen die Digitalisierung im Versorgungsalltag bringt.
Die ePA und die Weiterentwicklung der TI spielten dabei eine zentrale Rolle. Zu Recht. Nur wissen wir inzwischen alle: Zwischen einer guten digitalen Idee und einer funktionierenden Anwendung im Alltag liegt manchmal ein ziemlich langer Weg. Die ePA ist jedenfalls noch längst nicht für alle das, was ihr Name verspricht.
Und die Hilfsmittel? Bei der elektronischen Verordnung für unsere Branche wurde es auffallend still. Eine klare Priorität war auf dem Summit für mich nicht zu erkennen. Dabei wäre ein digitaler Prozess gerade hier ein wichtiger Schritt, um Abläufe zu vereinfachen.
Ein Datum sollten wir dennoch fest im Blick behalten: den 1. Oktober 2027. Bis dahin müssen Hilfsmittelerbringer nach aktuellem Rechtsstand an die Telematikinfrastruktur angebunden sein. Auch wenn bei der Umsetzung noch Fragen offen sind, sollten wir diesen Termin ernst nehmen.
Von einem Einzelkämpfer zu 42 Menschen im Panel
Besonders gefreut hat mich, dass die Hilfsmittelbranche auf dem Summit ein eigenes Panel bekommen hat. Vor zwei Jahren fühlte ich mich mit unseren Themen noch ziemlich allein. Im vergangenen Jahr zählte ich immerhin sechs Menschen aus der Branche. Und jetzt? 42 Menschen saßen im Panel.
Darunter Vertreterinnen und Vertreter von BIV-OT, VVHC, SpiOST und aiutanda sowie der E-Rezept-Enthusiasten. Auch hochrangige Vertreter der gematik waren von Anfang bis Ende dabei. Das werte ich einfach mal als gutes Zeichen.
Denn eines zeigt sich: Wer mitgestalten will, muss sichtbar sein. Unsere Branche muss ihre Erfahrungen und Anforderungen frühzeitig einbringen, statt auf fertige Lösungen zu warten.
Digitale Zukunft trifft wirtschaftliche Realität
Bei aller Freude über diese Entwicklung konnte ich allerdings ein anderes Thema nicht ausblenden: die wirtschaftliche Situation unserer Branche.
Die Sparvorschläge der Finanzkommission Gesundheit und die politischen Diskussionen über weitere Einschnitte waren in Leipzig für mich ständig präsent. Preismoratorium, Ausschreibungen, ein möglicher pauschaler Abschlag von drei Prozent bei Hilfsmitteln, neue Festbeträge – und immer wieder die Frage, was eigentlich aus unseren Verhandlungsverträgen wird.
Wir sprechen über die digitale Zukunft der Versorgung, während sich viele Leistungserbringer fragen müssen, wie sie ihre laufenden Kosten decken sollen.
Wie sollen Unternehmen in die digitale Zukunft investieren, wenn ihnen gleichzeitig immer weniger finanzieller Spielraum bleibt?
Digitalisierung muss sich im Alltag rechnen
Gerade deshalb müssen wir die Chancen der Digitalisierung nutzen. Auch wenn wir den Satz, dass digitale Prozesse alles effizienter machen sollen, inzwischen wahrscheinlich nicht mehr hören können.
In der Hilfsmittelversorgung gibt es tatsächlich enormes Potenzial: weniger Papier und doppelte Datenerfassung, einfachere Kommunikation zwischen Leistungserbringern, Ärzten und Krankenkassen, verständlichere Vertragsstrukturen und weniger Aufwand bei der Präqualifizierung.
Das klingt nicht spektakulär, könnte für die Betriebe aber einen gewaltigen Unterschied machen.
Nur dürfen wir eines nicht verwechseln: Ein digitalisierter bürokratischer Prozess ist noch lange kein guter Prozess. Wenn wir dieselben Nachweise künftig nur auf einem Bildschirm ausfüllen, haben wir wenig gewonnen. Wir müssen auch hinterfragen, welche Vorgaben überhaupt noch notwendig sind.
Unser Ziel sollte nicht sein, möglichst viele digitale Anwendungen einzuführen, sondern die Hilfsmittelversorgung zu sichern und den Verwaltungsaufwand für alle Beteiligten spürbar zu reduzieren.
Aus den Steinen etwas bauen
Ich bin mit gemischten Gefühlen aus Leipzig zurückgekommen. Die Digitalisierung bietet viele Chancen, doch die wirtschaftlichen Herausforderungen bleiben groß.
Trotzdem macht mir die Entwicklung der vergangenen Jahre Mut. Vom Einzelkämpfer zu einem eigenen Panel mit 42 Menschen – darauf lässt sich aufbauen.
Natürlich wird uns die Politik nicht jeden Wunsch erfüllen und nicht jede digitale Lösung auf Anhieb funktionieren. Aber wir sollten die Möglichkeiten nutzen, die wir haben, und deutlich machen, was eine moderne Hilfsmittelversorgung wirklich braucht.
Zum Schluss fällt mir ein bekannter Spruch ein, der häufig Goethe zugeschrieben wird: „Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.“
Ob Goethe das wirklich gesagt hat, sei einmal dahingestellt.
Aber der Gedanke gefällt mir. Und Steine liegen in unserer Branche gerade genug herum. Also machen wir etwas daraus.
Thomas Piel verfügt über drei Jahrzehnte Branchenerfahrung, vor allem im Hilfsmittelbereich. Als Leiter Gesundheitspolitik/Strategische Kooperationen bei Optica ist er bestens vernetzt mit Verbänden, Krankenkassen und politischen Entscheidern und immer auf der Suche nach neuen Möglichkeiten der Zusammenarbeit, um die Branche voranzubringen. In seiner Freizeit trifft man ihn laufend, radfahrend oder auf Spurensuche mit seinem Dackel Luca im Wald.